Gießen (pd). »Wir haben ein Zeitproblem«, sagte Prof. Michael Düren am Ende des Gesprächs. In der Tat setzt der Verbrauch fossiler Brennstoffe so viel Kohlendioxid in die Atmosphäre frei, dass sich das Weltklima massiv verändert. Auf der anderen Seite entspricht die Energiemenge, die die Sonne an einem Tag innerhalb von sechs Stunden in die Wüstenregion der Erde einstrahlt, dem Weltenergiebedarf eines ganzen Jahres. Ein kleiner Bruchteil der in die Wüste eingestrahlten Solarenergie könnte die Energieprobleme der Welt lösen - wenn es gelingen würde, sie nutzbar zu machen. Mit diesem Thema wird sich am kommenden Montag und Dienstag der von der Justus-Liebig-Universität ausgerichtete 1. Gießener Workshop zur Solarenergie-Partnerschaft mit Afrika beschäftigen. Die Idee, mit Hilfe von Solarkraftwerken in Afrika Energie zu erzeugen, werde seit 20 Jahren immer wieder diskutiert, blickte Physiker Düren zurück. Ihre Umsetzung sei bis heute jedoch nicht ernsthaft vorangetrieben worden. Anstöße, dies zu ändern, soll der Workshop geben, der am kommenden Montag um 14 Uhr im Senatssaal des Unihauptgebäudes beginnt und am Dienstag um 11 Uhr mit einer Abschlussdiskussion ausklingt, die sich mit der Frage beschäftigt »Was ist nötig, um in Ägypten, Marokko und Namibia Solarkraftwerke zu bauen?« Daran, dass es weniger technische Probleme als vielmehr wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Gründe waren, die dem Bau solcher Anlagen bisher im Wege standen, erinnerte der Historiker Prof. Winfried Speitkamp, der die Tagung zusammen mit Prof. Düren ins Leben gerufen hat.
»Der Kohlendioxid-Ausstoß ist so groß, dass wir nicht noch 100 Jahre warten können«, erläuterte Düren das eingangs erwähnte Zeitproblem. Schon heute werde täglich die Erdölmenge verbraucht, die erdgeschichtlich in 1000 Jahren gebildet werde. Die wachsende Weltbevölkerung und der gleichzeitig steigende Pro-Kopf-Energieverbrauch - gerade in Ländern wie Indien und China - werde das Problem noch verschärfen. Mit solarthermischen Kraftwerken könne Solarenergie in der Wüste kostengünstig in Wärme und Strom umgewandelt werden. Düren: »Aus physikalischer Sicht gibt es in dem Sinne keine Energiekrise, solange die Sonne scheint.« Die Nutzung von Parabolrinnenspiegeln sei eine »altbekannte Technik«, und mit Hochspannungs-Gleichstromkabeln lasse sich der in Nordafrika erzeugte Solarstrom preisgünstig nach Europa transportieren. Als Realisierungsziel nannte der Physiker den Bau eines Solarkraftwerks mit fünf Gigawatt bis zum Jahr 2015.
Dass die Umsetzung bisher nicht an technischen Problemen gescheitert ist, verdeutlichte Prof. Speitkamp. Das Thema rufe aus afrikanischer Sicht Erinnerungen an die Zeit des Sklavenhandels und der Kolonialismus wach, verwies der Historiker auf ein Problemfeld. Die praktische Umsetzung der Ressourcen dürfe nicht auf die Formel verkürzt werden, dass Menschen in Europa die Sonne Afrikas nutzen wollen, »damit es uns hier weiter gut geht«. Aber auch die Frage, wer in Afrika von der wirtschaftlichen Nutzung der Sonne profitiert, spiele eine wichtige Rolle. »Möglicherweise wären es korrupte Eliten«, befürchtete Speitkamp und erinnerte an gewaltsame Auseinandersetzungen um afrikanische Energieressourcen, etwa im Zuge der Ölförderung in Nigeria. Ziel müsse es sein, auch für die Bewohner Afrikas südlich der Sahara einen Weg aufzuzeigen »und nicht wieder in ein unterschwellig koloniales Verhältnis« abzugleiten.
Eine Aufgabe des Workshops in der kommenden Woche werde es sein, zu klären, »mit welchen Problemen wir konfrontiert sein werden«, regte Dr. Dirk van Laak an. Er habe sich mit der Geschichte historischer Großprojekte beschäftigt, »die in der Regel gescheitert sind«. Wenn verschiedene Sichtweisen und unterschiedliche Rationalitäten aufeinander prallten, könnten auch Projekte, deren Sinnhaftigkeit sofort einleuchte, nicht einfach umgesetzt werden, so der Professor für Zeitgeschichte. Er hoffe, »dass uns ein Workshop-Erfolg der Realisierung einen kleinen Schritt näher bringt«. Die Klärung, wer ein Solarkraftwerk befürwortet und wer es ablehnt, sei eine der Fragen, die bei der Tagung Anfang der kommenden Woche zu beantworten seien, hofft Dr. Frank Schüssler. Der Geograph verdeutlichte in seinem Beitrag noch einmal das enorme Potenzial solarthermischer Kraftwerke. Der Energiebedarf Deutschlands könne durch die Sonneneinstrahlung auf weniger als ein Prozent der Fläche der Sahara gedeckt werden. Die zentrale Frage des Workshops ist gleichzeitig Thema einer Podiumsdiskussion mit mehreren Experten am kommenden Montag um 17 Uhr: »Ist der Solarstromimport aus der Wüste eine Option oder nur eine Vision?«
Quelle: Gießener Allgemeine Zeitung vom 3. Juni 2008







