
Ein Anfang zumindest ist gemacht: Im Eingang der Präfektur-Verwaltung in Kanazawa hängt seit Ende Januar ein solches Dokument, nach Angaben der Behörde das erste seiner Art in Japan. Ausgearbeitet hat den Energieausweis das Öko-Zentrum NRW im westfälischen Hamm – und Vorschläge für eine japanische Version gleich dazu.„Wir unterhalten schon seit zwanzig Jahren enge Kontakte nach Fernost“, sagt Zentrums-Geschäftsführer Manfred Rauschen. Im Sommer 2009 erhielt er von dort einen ungewöhnlichen Auftrag: Für die Präfektur Ishikawa – solche Verwaltungseinheiten entsprechen in etwa den deutschen Bezirksregierungen – sollte das Baufachinstitut einen Energieausweis erstellen. Genauer gesagt: zwei, einen bezogen auf Energieverbrauch und einen auf den Bedarf. Zielobjekt beider Dokumente: das Verwaltungsgebäude der Präfektur in Kanazawa, Hauptstadt des Ishikawa-Bezirks und Wohnort von rund 450.000 Menschen. Anlässlich eines Deutschlandbesuches hatte die Verwaltungsspitze von der europaweiten Einführung des Energieausweises erfahren. Von ihrem Vorstoß erhofft sie sich einen Impuls für mehr Energiebewusstsein und Einsparmaßnahmen. „Ein solches Pilotprojekt zu entwickeln, fanden wir sehr spannend und haben die Aufgabe daher gern übernommen“, erinnert sich Rauschen, dessen Zentrum zu den ersten akkreditierten Ausweiserstellern in Deutschland gehört und seit 2005 Baupraktiker auf diesem Gebiet qualifiziert. Die Herausforderung für die Hammenser Energie-Experten: Anders als in Deutschland fehlen die Japan die rechtlichen und rechnerischen Grundlagen zum „Ausweis für die energetische Bewertung von Gebäuden“, wie das Papier offiziell heißt. Dieses wurde in der Europäischen Union (EU) eingeführt, um mehr Transparenz beim Energieverbrauch von Immobilien zu schaffen. Bauherren, Mieter, Nutzer und Käufer sollen anhand von tatsächlichen oder errechneten Verbräuchen ermessen können, wie es um die energetische Qualität eines Gebäudes steht. Ebenso wie bei der Kennung von Haushaltsgeräten ermöglicht der Vergleich mit ähnlichen Objekten, ob der Wert über oder unter dem Durchschnitt liegt. Und auch für den Baubereich erhofft sich die Politik vom Marktdruck – nachlassendes Interesse an Gebäuden mit hohen Nebenkosten – Anstöße für Energie sparende und damit Klima schonende Maßnahmen. Grundlage der Ausweise ist ein ausgeklügeltes Rechenwerk auf der Basis von rund 40 Normen. Die Mitgliedstaaten der EU sind verpflichtet, diese Normen zu übernehmen, wobei sie wegen der unterschiedlichen Bauweisen und sonstigen Besonderheiten bestimmte Spielräume haben. Was aber tun, wenn entsprechende Grundlagen fehlen? „Bei der Berechnungssystematik haben wir uns im Wesentlichen an einer auch in Japan gültigen Norm der Internationalen Standardisierungsorganisation (ISO) orientiert, nämlich der ISO 13790 und den sieben mit geltenden Normen“, erläutert der Fachliche Leiter des Öko-Zentrums NRW, Dipl.-Ing. Jürgen Veit. Innerhalb der ISO 13790 würden verschiedene Möglichkeiten der Pauschalisierung angeboten. „Von diesen haben wir die jeweils einfachste Form gewählt“, so der Bauphysiker. Für die Kennwerte des Ausweises und dessen Aufbau gibt es keine entsprechende internationale Vereinbarung. Hier entschied sich das Öko-Zentrum für eine Übernahme der europäischen Norm EN 15217, nach der auch in Deutschland gearbeitet wird. Die Verbrauchswerte zu dem acht Jahre alten Bürohaus, einem kompakt anmutenden, kubusförmigen Hochhaus mit 19 Stockwerken, lieferte die Präfekturverwaltung, ebenso Klimadaten der Region für eine witterungsbereinigte Berechnung. Mangels statistischerDaten für einen Vergleich mit ähnlichen Gebäuden vor Ort zogen Veit und seine Ingenieure Angaben aus Deutschland heran. Das Ergebnis, nun nachzulesen im Eingangsbereich des Präfekturgebäudes: Dessen Nutzenergiebedarf liegt bei 104,2 Kilowattstunden pro Jahr und Quadratmeter Fläche. „In Bezug auf deutsche Verhältnisse kein überragender Wert“, so Veit. Ihre Erfahrungen aus dem Pilotprojekt fassten die Zentrums-Mitarbeiter in einem Konzept für einen möglichen japanischen Energieausweis zusammen. Gemeinsam mit dem fertig gestellten Dokument stellten sie die Vorschläge bei einem Workshop in Kanazawa vor rund 80 einheimischen Baufachleuten vor. Ob der Energieausweis zum Exportschlager in Richtung Japan werden kann? „Das muss man abwarten“, will Zentrums-Chef Rauschen keine Prognose wagen. Allerdings sei die Umweltproblematik dort sehr ähnlich und der Klimaschutzgedanke stark im Kommen, so der Geschäftsführer, der sich, verheiratet mit einer Japanerin, häufig in dem Land aufhält. „In jedem Fall sollte einer Einführung eine Pilotphase vorausgehen, damit haben wir in Europa beste Erfahrungen gemacht“, zitiert er eine zentrale Empfehlung aus dem Diskussionspapier.
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